Vorab sei zu diesem Artikel angemerkt, dass sämtliche darin enthaltene Annäherung an dieses von mir beobachtete und weit über meine Beobachtung hinaus gehende Geschehen nur meiner eingeschränkten Wahrnehmung und Wissensstand entspringt. Besonders Martin bitte ich, großzügig zu sein, was womöglich unkorrekte Formulierungen oder Darstellungen betrifft. Ich bemühe mich jedenfalls, diese möglichst im Rahmen zu halten.
Was hat mein Freund Martin mit Leuten wie z.B. „Abdullah Tschetschen“, „Papa Taksim“, „Computer“ Hussein, Ibrahim aus England, Abu Bakka aus Jamaica, Ismail aus Rumänien und vielen anderen Leuten aus aller Welt gemeinsam? Sie alle sind Muslime, die den Weg des Sufis gehen. Und zwar tun sie das im Rahmen der weltweit bekannten Tariquat (Orden) der Naqshbandi.
Der Sufismus ist der mystische Weg im Islam, der sich besonders der Herzöffnung und liebevollen Hingabe an Gott verschrieben hat. Der Weg des Sufismus führt den Menschen über die übliche Praxis des Muslims und darüber hinausgehenden, speziellen Ritualen und Schulungen im Idealfall hin zum Herzen Gottes, der in diesem Umfeld natürlich Allah heißt. Der anstrengende Weg steht besonders im Zeichen der Entleerung des Selbst und der Befreiung vom Ego. Im Westen wird der Sufismus am häufigsten mit dem Orden der Mevlevi assoziiert, die den Drehtanz praktizierenden Derwische mit Hauptsitz in der Türkei. Der Sufismus wird von Europäern aus der „Esoterikszene“ gerne in einem verklärten und romantischen Licht als Bewegung gesehen, die sich großzügig und frei über Religionsangehörigkeiten und deren von Außenstehenden wenig wertgeschätzte Spielregeln und Dogmen hinweg abspielt. Tatsächlich stellte es sich mir aber bei den Naqshbandis so dar, dass das Rückgrat des Sufismus sehr wohl der Islam in seiner essentiellen Auffassung ist. Es wird gerne so formuliert, dass der Islam der Körper ist und der Sufismus das Herz.
Fest steht, dass sich der Sufismus in einzelnen Orden, den so genannten Tariquats, organisiert, die jeweils einem Sheikh (sprich Scheich) unterstehen, der wiederum aus einer über Jahrhunderte zurück reichenden Kette von Sheikhs eingeweiht wurde. Die Praktiken des Sufismus lassen sich angeblich noch bis in vorislamische Zeiten zurückverfolgen. Sheikh ist ein Ehrentitel, der nicht nur den bei uns so bekannten „Ölscheichs“ vorbehalten ist, sondern auch spirituellen Autoritäten gegeben wird.
Das Oberhaupt und der spirituelle Meister der Naqshbandi ist Mawlana Sultan Awliya Sheikh Mohammed Nazim Adil Al Haqqani Al Rabbani, um ihn beim vollen Namen und hoffentlich korrekt zu nennen. Kurz „Sheikh Nazim“ (sprich Scheich Nasim). Ein fast 90 Jahre alter Mann, der in seinem Geburtshaus in Lefke die zentrale Dergah (Gebetshaus, Kloster) seines Ordens eingerichtet hat, wo er wohnt, betet und in seiner physischen Präsenz im Dienste Gottes und seiner Murids (Schüler) steht.

der Sheikh beim Auszug aus der Moschee nach dem Freitagsgebet
Die Dergah ist eine traditionelle Form, die man als „offenes Kloster“ bezeichnen könnte, wohin Muslime aus aller Welt ihrem inneren Ruf folgen und dort ihre Erfahrungen machen dürfen, um dann zum gegebenen Zeitpunkt wieder wegzugehen (das kann nach Tagen oder Monaten sein). Das gesamte Geschehen findet unter der Führung Allahs und des Sheikhs statt. Niemand außer den engen Vertrauten und Mitarbeitern des Sheikhs darf länger als 1001 Tage bleiben. Kost und Logis, beides bewusst sehr bescheiden gehalten, sind frei, sofern man die Spielregeln befolgt und im Haus oder auf den Latifundien des Sheikhs zum weltlichen Ablauf der Dinge beiträgt, sprich mitarbeitet. Dabei wird die irdische Arbeit als klärendes Element für das Ego des Menschen gesehen, der sich in seinem Hinstreben zu Gott womöglich gerne von den alltäglichen Dingen loslösen und abheben würde. So verstehe ich es.
Zu meinem Glück darf mein Freund Martin als verheirateter Mann nicht in der Dergah schlafen und hat deshalb eine feine Wohnung gemietet, in der für mich und Gregor ein Gästezimmer vorhanden war. Christina wollte im Unterschied zu uns etwas tiefer in das Geschehen der Dergah eintauchen und hat es vorgezogen, im Frauenhaus die Erfahrung zu machen, wie es sich unter Muslimas (weibliche Muslime) lebt, die einen recht streng geregelten Tagesablauf folgen. Die Dergah steht Männern und Frauen gleichermaßen offen, wobei für beide Geschlechter jeweilige Räumlichkeiten vorgesehen sind, sodass der/die GottesdienerIn nicht zu sehr von irdischen Interessen abgelenkt wird.
Ich habe für ein paar Tage die Möglichkeit genutzt, bei der Dergah gelegentlich reinzuschnuppern und meine Einblicke in das dortige Leben und die Gebräuche nehmen zu dürfen. Im Grunde ist das Haus für jeden Menschen offen, es ist auch nichts Außergewöhnliches, dass Nichtmuslime wie ich dort mal ihre Nase hineinstecken oder auch länger bleiben, jeder ist willkommen. Man hat dennoch eine gewisse Hemmschwelle, wenn man nicht weiß, was hinter den Mauern der Dergah geschieht und wie einem darin begegnet werden wird. Nur soviel: die Leute waren mir gegenüber alle äußerst freundlich, verständnisvoll und aufmerksam. Ich hatte es aber ohnehin relativ leicht, weil mich Martin einfach mitgenommen und dort eingeführt hat. Gutes Benehmen wird in der Dergah groß geschrieben und jeder hält sich im Rahmen seiner Möglichkeiten daran, die je nach persönlicher Anlage des einzelnen sehr unterschiedlich gelagert sind. Martin ist auch dort für sein angenehmes Auftreten bekannt, logisch!
Die Dergah ist ja so wie jede menschliche Gemeinschaft nur ein Spiegel des Makrokosmos mit allen seinen Eigenheiten sowie Licht und Schatten, den die Menschen in sich tragen und ausstrahlen. Die zwischenmenschlichen Erfahrungen und Prozesse sind sozusagen Teil der „Methode“ und der Sheikh bezeichnet die Dergah sowieso nicht selten als „Mental Hospital“. Man kuriert sich und sein Ego in der Konfrontation mit sich selber und dem Zusammenleben mit den anderen, wohl beobachtet vom Sheikh. Leicht ist das Leben in der Dergah sicher nicht, wenn man bedenkt, dass zig Männer wie die Ölsardinen im Gebetsraum am Boden übernachten, der frühmorgens schon wieder für seinen eigentlichen Zweck geräumt wird. Die Toleranz des einzelnen wird da sicher ständig geprüft und geschult. Zusätzlich interessant ist ja auch, dass die Leute aus verschiedensten kulturellen und sozialen Umfeldern der Welt kommen. Es sprechen zwar alle Englisch und folgen demselben Glauben, jedoch bleibt genug Spielraum für Missverständnisse. Interessant ist es schon, was für Typen sich rund um den Sheikh geschart haben… Und spätestens, wenn dann ein Mann mit langem Bart und Turban auf dich zukommt und dich auf Wienerisch mit Meidlinger Akzent ganz humorig fragt, „No, wos sogst zu den Norrnhaus do?“, dann kann es schon auch mal ziemlich lustig werden. Überhaupt hat bei allem Ernst immer auch der Humor seinen Platz, das lebt auch der Sheikh auf seine Art vor.
Im Zentrum der Aufmerksamkeit aller steht aber bei all dem die religiöse Praxis. Fünf Mal am Tag wird zum Gebet gerufen, in dem durch die arabischen Verse aus dem Koran und vorgegeben Bewegungsabläufe die Liebe zu Gott ausgedrückt, Bewusstsein geschaffen und Energie bewegt wird.
Jeden Abend gibt es die ca. einstündige Sohbet, eine Belehrung durch den Sheikh, die über Video aus dem Wohnraum des Sheikhs direkt in den Gebetsraum übertragen wird, wo alle gebannt seinen Ausführungen in teilweise holprigem, dann plötzlich wieder recht ausgefeiltem Englisch lauschen. Neben den knapp hundert Leuten in der Dergah wird die Sohbet täglich von angeblich rund 500.000 Menschen in aller Welt via Internet mitverfolgt. Der Sheikh spricht dabei mit viel Ernst und Charisma, aber auch schauspielerischem Talent und einer Portion Humor über Gott und die Welt.
Ich habe die Gelegenheit genutzt, und mir den Lehrvortrag des Sheikhs beinahe täglich angeschaut und –gehört. Fest steht, dass der Sheikh ein alter und erfahrener Mann mit einer starken Ausstrahlung und seinen eigenen vielfältigen und profunden Zugängen ist, der sich unter anderem auch nicht davor scheut, diversen Gruppen des Islam, die das Bild in den Medien prägen und viel Macht repräsentieren, klar die Meinung zu sagen und somit über Grenzen zu gehen, was ihm angeblich auch viel Gegenwind aus verschiedenen Ecken dieser so vielfältigen islamischen Welt beschert. Vor allem scheint er aber viel Anerkennung und Unterstützung für seine Arbeit zu bekommen. Unter den Schülern des Sheikhs sind viele internationale Berühmtheiten und auch Vertreter verschiedener Königshäuser, auch aus nichtmuslimischen Kreisen.
Es steht außer Zweifel, dass die Sohbets von vielen Menschen als starke Hilfe auf ihrem anspruchsvollen spirituellen Weg empfunden werden, die sich wohl nicht nur durch das gesprochene Wort, sondern auch durch die energetische Präsenz des Sheiks ergibt. Das Gesagte kann natürlich auf verschiedene Art gedeutet, zerlegt und diskutiert werden, was aber keinen Sinn hätte. Ich mache das sowieso nicht und an dieser Stelle schon gar nicht. Ohnehin kann jeder, der will, die Sohbets live oder im Archiv von Sheikh´s Homepage anschauen und sich selber davon ein Bild machen.
www.sufilive.com
Persönlich muss ich sagen, dass ich mich dem Sheikh und seiner Botschaft nicht so öffnen konnte. Es ist doch ein höheres Maß an Reibung zwischen meinem Weltbild und jenem, das er vertritt, spürbar.
Der Sheikh arbeitet trotz seines Alters hart. Zweimal am Tag gibt er Audienz für seine Schüler und alle anderen, und es gibt jeden Tag genug Leute, die ihn sprechen und zu persönlichen Dingen um Rat fragen wollen. Jeden Nachmittag zur selben Zeit verlässt der Sheikh das Haus, um von seiner Entourage begleitet im Landcruiser in die Umgebung von Lefke zu fahren und einen kleinen Spaziergang zu machen. Seine Schüler nutzen diese Gelegenheit zur Huldigung ihres Meisters, die Leute holen seinen Segen ein und küssen seine Hand. Manch einer neigt zur Übertreibung des Ganzen. Der Sheikh lässt das Spektakel aber geduldig über sich ergehen und kämpft sich auf den wenigen Metern zum Auto tapfer durch. Auf gar zu große Unterwürfigkeit und Theater steht er aber anscheinend eh nicht und er dürfte wohl sehen, dass bescheidene Zurückhaltung, wie die von Martin, oft mehr wiegt als das laute Auftreten von Eiferern in der ersten Reihe. Vom Sheikh angesprochen zu werden, gilt als große Ehre, jeder fühlt sich aber schon durch einen Blick in die Augen des Mawlana beschenkt und gesegnet.

Sheikh
Das spirituelle Leben in der Dergah findet seinen wöchentlichen Höhepunkt klarerweise am Freitag, der für die Muslime das ist, was der Sonntag den Christen ist. Der Freitag beginnt nach muslimischem Verständnis schon mit dem Sonnenuntergang am Donnerstagabend. Da trifft man sich in der Moschee zum so genannten „Zhikhr“, einen ausgiebigen Reigen an arabischen Rezitationen, der den Charakter eines Mantrensingens hat, eine sufistische Tradition. Zum großen Freitagsgebet, das am Freitag zu Mittag stattfindet, kommt der Sheikh in die Moschee, die dann komplett voll ist. Es wird gemeinsam gebetet und rezitiert - ganz so, wie es der muslimischen Tradition und Lehre entspricht.
Danach bleibt der Raum offen für ein archaisches Ritual. Die „Hadra“ ist ein wahres Spektakel, das neben seiner energetisierenden Wirkung fast allen großen Spaß bereitet. Dabei entsteht unter Begleitung durch eine Musikgruppe ein gemeinschaftlicher „Tanz“, bei dem sich die Leute unter Ausstoßen des Lautes „Hayy!“ (einer der vielen Namen Gottes, der soviel wie “Macht” oder “Kraft” heißt) mit beiden Händen Energie ins Herz „schöpfen“. Die feurige Kraft des Rituals war sehr stark spürbar. Manche legen sich auch ordentlich ins Zeug. Der Sheikh beobachtet das sensible Treiben aber ganz genau. Er schaut, wie sich die Energie aufbaut und verteilt sie im Raum, um sie dann im gegebenen Moment wieder herunterzufahren und letztendlich das Ritual abzuwinken. Eine sehr schöne Sache, sicher irgendwie auch ein Spektakel und für mich ein großes Geschenk, dabei gewesen sein zu dürfen. Außerdem mal wieder eine Reiseerfahrung der besonderen Art, das Video gibt einen kleinen Eindruck davon wieder:
Video “Hadra”
Ja, so ist das bei den Sufis. Für mich war es nicht einfach eine beeindruckende Reise in eine doch recht exotische Welt. Ich habe mein Verständnis für den Islam erweitern können, eine wachsende Weltreligion, der neben einem meiner besten Freunde mehr als eine Milliarde Menschen angehören. Die Auseinandersetzung damit ist ein wertvolles Geschenk und baut heilvolle Brücken, wenn man sie auf der eigenen Erfahrungsebene ehrlich zulässt und nicht den Medien überlässt, so wie das der übliche und bequeme Umgang mit den fremden Dingen ist. Freilich ist auch meine Toleranz und mein Verständnis immer wieder einmal auf dem Prüfstand und ich beobachte mich genau. Wenn ich aber daran denke, wie exotisch und zweifelhaft die Dinge, denen ich in Guatemala nachgehe, nach europäisch-westlichem Dafürhalten und in den Augen vieler Österreicher beim bloßen Hinsehen wohl sein müssen, dann relativiert sich für mich sowieso vieles und ich grinse ganz entspannt…
Whatever, für die globale Toleranz braucht man sich wohl nicht groß bemühen, wenn man noch vor der eigenen Tür ein bisschen kehren kann. Wer da nichts mehr zum Kehren hat, der wird auch den sprichwörtlichen ersten Stein nicht mehr werfen brauchen und kann sich um höhere Missionen kümmern. Meinen Respekt haben alle, die sich um ihre spirituelle Entwicklung bemühen, und die Sufis tun dies zweifelsohne. Wege dafür gibt es viele, und jeder geht den, der ihm richtig erscheint und auf den ihn (im Idealfall) sein Herz gerufen hat. Ein vergleichendes Bewerten der vielen Wege ist aus meiner Sicht nicht nur höchst unangebracht sondern auch total sinnlos. Ich kann nur hoffen, dass wir als Menschheit und Erdenbewohner einer Zukunft entgegensteuern, die von Liebe geprägt ist. Schon „nur“ der Respekt ist eine sehr hohe und reine Form der Liebe, vergessen wir das nicht!! Dankbarkeit ist auch eine, und in dieser Haltung schaue ich liebevoll zurück und hinüber nach Nordzypern. Zu meinem Freund Martin und seinem gesamten näheren und weiteren Umfeld, das er mir mit seiner Liebe, Geduld und Offenheit nähergebracht hat. Muchas Gracias!