Direkt von Kairo bin ich nach Larnaca/Zypern geflogen. Zypern gehört zur EU. Wenn man von Zypern spricht, ist jedoch meistens nur der südliche Teil der geteilten Insel gemeint. Der Norden ist ein von der Türkei besetztes Territorium, das weder von der UNO noch sonst irgendwie international als Staat anerkannt wird. Quasi ein weißer Fleck auf der Landkarte. Zypern wird von einer Grenze durchzogen, die „Green Line“ genannt wird. Überall im Land ist viel Militär präsent, mit blauen und mit anderen Helmen. Wenn man vom Süden in den Norden reist, muss man ein paar einfache Grenzformalitäten abwickeln. Den Einreisestempel für den Norden bekommt man – wie in Israel – nicht in den Reisepass gedrückt, sondern auf ein separates Papier, damit man nicht irgendwo in der Welt Schwierigkeiten damit bekommen kann. War ich zu Beginn meiner Reisekarriere noch auf jeden Stempel sehr stolz, so freue ich mich mittlerweile schon mehr, wenn ich keinen bekomme, da mein Reisepass früher oder später sowieso voll gestempelt und somit zu erneuern sein wird.
Der Norden Zyperns wird von Ausländern nicht annähernd so stark frequentiert wie der Süden, dennoch gibt es ein paar Zentren mit touristischer Infrastruktur. Teilweise ist diese hoch spezialisiert, Puffs und Casinos prägen das Bild mit. So sollte sich auf Nordzypern auch herausstellen, warum Nane nicht mehr mit mir auf Reisen ist und was er jetzt so macht.
Skandal!

Mich sollte es aber in ein kleines und unscheinbares Dorf weitab jeglichen Touristengeschehens führen - nach Lefke. Für mich war es klar, warum ich die Reise nach Nordzypern und Lefke angetreten bin. Mein Freund Martin, der für mich immer wie ein jüngerer Bruder war und ist, und seine Frau Loubna aus Frankreich leben dort seit 4 Monaten und es war klar, dass ich bei den beiden einen Sprung vorbei schauen muss, wenn ich eh schon quasi um die Ecke – in Ägypten – bin. Die Frage, was die beiden dort zu schaffen haben, führt unweigerlich zu den Dingen für die Lefke bekannt ist.

Martin und ich - v.r.n.l.

Lefke - auf den ersten Blick nicht so aufregend
Neben dem obligatorischen Denkmal von Atatürk, das in jedem noch so kleinen Nest Nordzyperns prominent aufgestellt ist und an den Gründer der „modernen Türkei“ sowie an den lokalen Gebietsanspruch derselben erinnern soll, steht am Ortseingang von Lefke ein auffallender Springbrunnen, in dessen Mitte eine riesige Orange aus Beton thront.

die Top-Sehenswürdigkeit in Lefke
Lefke ist bekannt für die üppigen Orangenhaine, die Äste der Bäume können die riesigen Früchte der begehrten und schmackhaften Sorten „Jaffa“ und „Washington“ kaum tragen. Auch Zitronen und Mandarinen sind allgegenwärtig. Der ganze Ort ist vom feinen Duft der Orangenblüten durchzogen. Überall liegen die Früchte herum und sind meist gratis mitzunehmen.

aus der Ferne

und aus der Nähe
Wegen der Zitrusfrüchte sind Martin und Loubna aber nicht nach Lefke gezogen…viel wichtiger ist da schon der Arbeitgeber von Martin. Die so genannte „Europa Universität“ von Lefke lockt mit einem netten Namen und einer modernen Aufmachung junge Menschen vom türkischen Festland, von Afrika und dem benachbarten Asien in diese eher verlassene Gegend, um hier zu studieren. Martin hat hier gleich einmal nach seiner Ankunft eine Stelle als Assistenzprofessor bekommen.

el Profesor
Das Niveau auf der Uni ist laut Martin beschämend tief angesetzt…und wenn das jemand sagt, der selber in Wien studiert hat, dann muss es auch richtig arg sein. Er bemüht sich in seinen Vorlesungen trotzdem auf faire Weise, den Studenten etwas Interessantes und Sinnvolles anzubieten. Die Uni erscheint in dieser rustikalen Umgebung fast wie ein Fremdkörper und funktioniert mehr oder weniger als Wirtschaftsunternehmen, das von den doch hohen Beiträgen der Studenten lebt. Martin bezieht ein für die örtlichen Verhältnisse richtig gutes Gehalt und muss sich dafür keinen Haxen ausreißen. Für eine universitäre Karriere hätte er aber auch nicht nach Lefke kommen brauchen – angesichts des Niveaus wäre es vielleicht sogar besser gewesen
. Also muss es in Lefke noch etwas anderes geben, und spätestens jetzt wird es doch noch so richtig interessant…die Naqshbandi Tariquat rund um Sheikh Nazim…aber dazu mehr später, denn das ist mir definitiv einen eigenen Artikel wert.
Für mich war mal wichtig, dass ich meinen lieben Freund treffen kann und uns wieder einmal ein paar gemeinsame Tage vergönnt sind. Ich kenne Martin ja von meiner Jugendzeit in Kärnten an, später haben wir als Studenten in Wien zusammen gewohnt. Wir sind uns über viele Jahre treue Begleiter – mal aus der Nähe, mal aus der Ferne. In den letzten paar Jahren waren wir beide viel auf unseren jeweiligen Wanderschaften in der Weltgeschichte unterwegs und hatten dementsprechend weniger Zeit miteinander verbracht. Dennoch ist man durch Email, Blog etc. im Großen und Ganzen auf dem Laufenden geblieben, was der andere so treibt und was ihn bewegt.
Martin hat mir in den neun Tagen in Lefke als großzügiger Gastgeber zusammen mit seiner Frau Loubna seinen Wohnraum und Einblicke in sein neues Leben geöffnet, wir haben ein paar Ausflüge in die schöne Umgebung gemacht und uns viel Zeit füreinander genommen, um uns im Gespräch auszutauschen und gegenseitig upzudaten. Mit Loubna haben wir die Chance sehr gut genutzt, uns gegenseitig besser kennen und auch in unseren jeweiligen Eigenarten verstehen und schätzen zu lernen, was nicht auf Anhieb ganz einfach aber umso wichtiger war. Sie ist ein Mensch mit einem großen Herzen und viel Mut und dementsprechend auf ihrem persönlichen Lebensweg und gemeinsam mit Martin als seine Frau unterwegs. Auch mit Martin war es eine wertvolle Zeit, um unsere Freundschaft zu nähren und unser gegenseitiges Verständnis für unsere jeweiligen und doch sehr außergewöhnlichen Lebenswege zu stärken. Danke Martin und Loubna!!

Martin und Loubna
Nette Gesellschaft bekamen wir zusätzlich von unseren Freunden Christina und Gregor, die aus Innsbruck bzw. Wien angereist kamen. Beide sind auf ihre jeweilige Art sehr wertvolle Wegbegleiter für mich.


Gregor der Schelm

St. Hilarion Castle

auch

ein Gebetshaus am Meer

Beach

der Touristenort Girne

Die Tage in Lefke waren wichtig für mich, höchst intensiv und interessant. Zusätzlich zu den schon angesprochenen Aspekten der Reise habe ich sehr interessante Einblicke in eine mir bisher fremde Welt (siehe nachfolgender Naqshbandi-Artikel) und für meine persönlichen Lebenerfahrung ein ganz besonders erweiterndes Schlüsselerlebnis geschenkt bekommen. So macht das Reisen Sinn!!
Letztendlich bin ich sehr bewegt, voller Zufriedenheit und Dankbarkeit wieder abgereist. Und zwar heim nach Österreich…ich hab mir eine Verdauungsphase verordnet. Wobei es mich nicht wundern würde, wenn sich das hohe Intensitätsniveau, auf dem ich fahre, daheim fortsetzt oder womöglich sogar noch gesteigert wird. Ich nehme es, wie es kommt. Und wir wissen ja und es bestätigt sich immer wieder: Der Mensch hält viel aus.

Nicht wahr, nicht!?
Google Maps